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verlagsheft2019

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KIND SEIN DÜRFEN – Stärken für das Leben (Artikelnummer: ISBN 978-3-946219-42-2)

Zugriffe: 103 | Wertung:

Das Buch „Kind sein dürfen“ versammelt 12 individuelle Lebensgeschichten ehemaliger Betreuter aus der Jugend­hilfe des Evangelischen Johannesstifts. Alle Interviewten verbindet der Mut mit großer Offenheit ihre persönlichen Geschichten zu erzählen. Sie können damit denen Kraft geben, die in ähnlichen Situationen sind. Sie erzählen, woher sie kamen, welche Einflüsse ihre Mitbewohner und die sie betreuenden Pädagogen auf ihren Lebens­weg hatten; was ihre Zeit in der Jugendhilfe für ihr Leben gebracht hat. Wir erfahren durch die Geschichten, wie die Jugend­hilfe auf die ehemaligen Jugendlichen gewirkt hat – ohne zu evaluieren, ohne repräsentative Studien zu erheben. Jede und jeder erzählt dabei in seinem Rhythmus mit seinem Temperament, was diese Geschichten so ab­wechslungsreich und spannend macht.

Textauszug:

Oliver Kretschmer

ES MUSS ERST WEHTUN

Ich war 18, als ich ins Johannesstift kam, und eigentlich schon zu alt für die Jugend­hilfe. Ich bin in einem Heim in Marienfelde auf­gewachsen, weil mein Erzeuger sich nicht um mich gekümmert hat. Ich nenne ihn Erzeuger, nicht Vater. Er hielt es für überflüssig, dass ich zur Schule gehe: „Schule? Brauchst du nicht, ich trinke lieber einen mit dir.“ Der war schon morgens besoffen. Als Kind fand ich das im ersten Moment gut: Hey, ich brauche nicht zur Schule! Aber mein Vater war Alkoholiker. Der war schon halb tot, der war innen drin schon verwest. Irgendwann ist er zusammengeklappt, Bein ab, Tuberkulose, Zucker – alles hat er gehabt.
Ich wunderte mich immer: Warum versteckt er seinen Schnaps? In einem Fach im Schrank, hinter einer Klappe, lagen drei Schnapsflaschen. Warum machte er das? Im Alter von vier oder sechs Jahren weiß man ja nicht, was das bedeutet. Irgendwann trank ich selbst. Meine Schwester ermahnte mich: Du trinkst da gerade Alkohol! Ich wusste das ja nicht. Schließlich meldete sie es dem Jugendamt. Durch sie bin ich eigentlich erst ins Heim in Marienfelde gekommen. Sie gab dem Jugendamt einen Tipp: „Meinem kleinen Bruder geht es nicht so gut. Gehen Sie mal dahin!“
Als Jugendlicher lebte ich in einer Wohnung, die vom Heim in Marien­felde betreut wurde. Lange Zeit verstand ich es, Besuche meiner Betreuerin zu verhindern. Doch ich hatte Schwierigkeiten, selbständig zu leben. Die Wohnung sah aus! Richtig verwahrlost! Als die in Marienfelde das rauskriegten, meinten sie: „Du kannst bei uns bleiben bis du 18 bist, aber dann: Tschüss. Was du dann machst, ist uns egal.“ So ungefähr empfand ich das damals.

DER BODEN UNTER DEN FÜßEN

Wie Lutz Kaiser und das Johannesstift ins Spiel kamen, weiß ich nicht mehr so genau. Die Heimleitung in Marienfelde hat ihn wohl eingeschaltet. Man bot mir an, im Johannesstift einen Förderlehrgang, einen sogenannten F-Lehr­gang, zu besuchen. Ein Jahr lang pendelte ich von Marienfelde zum Johannesstift und zurück.
Ich habe diesen Lehrgang in der Gärtnerei gemacht, bei Herrn Kellner. Garten-Kellner oder Holz-Kellner haben wir ihn genannt. 1989 habe ich an­gefangen. Wir bekamen ein Extrabeet zugeteilt, auf dem wir selbst etwas an­pflanzen konnten. Der Sinn der Förderungsmaßnahme war, überhaupt zu er­fahren, was Arbeit bedeutet, was es heißt, regelmäßig zu erscheinen, jeden Morgen aufzustehen. Ich kannte das nicht, mit 17, 18 habe ich gar nichts mehr gemacht. Außer Trinken kannte ich nichts mehr. Alles war wichtiger als zu arbeiten. Ich war wirklich gefährdet. Ich fing schon morgens an zu saufen. Boah, ich hing echt in der Luft, ich hatte komplett den Boden unter den Füßen verloren. Bis es bei mir „Klick“ gemacht hat. Ich merkte plötzlich selber, dass irgendetwas in meinem Leben nicht stimmte. Schließlich kam es zum Gespräch mit Lutz. Ich erzählte ihm, dass ich es allein nicht schaffe und erst recht nicht, wenn ich in der Wohnung in Marienfelde bleibe.
Lutz hat Nägel mit Köpfen gemacht, auf gut Deutsch gesagt. Als ich 18 wurde, vermittelte er mir eine von der Jugendhilfe des Johannesstifts betreute Wohnung im Johannesstift. Danach ging alles sehr schnell. Auf einmal stand ein Umzugswagen vor der Tür: Es geht nach Spandau! Das machte mir schon Angst. Spandau und das Johannesstift waren ja Neuland für mich. Aber trotzdem: Ich habe das durchgezogen. Da bin ich stolz drauf. Im Endeffekt war alles richtig.
Ich wusste schon damals, dass ich nirgendwo einen Halt habe, aber hier gab man mir ein Gerüst, an dem ich mich festhalten konnte. Das war und ist für mich das Johannesstift. Ich habe damals gespürt, dass das für mich die einzige Chance ist, um weiterzuleben, um nicht ganz tief zu fallen. Die haben meinen Fall aufgehalten. So einfach ist das. Natürlich muss man mitziehen, man muss es selbst auch wollen. Andernfalls passiert nichts. Und ich habe mitgezogen. Das haben auch alle gesehen. Lutz hätte mich sicher nicht ins Johannesstift geholt, wenn ich den Kopf in den Sand gesteckt hätte nach dem Motto: „Mir doch egal, alles Scheiße hier!“ Er hat mich wohl auch ein bisschen gemocht …

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