Herbstglitzern (Artikelnummer: ISBN 978-3-946219-59-0)

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Als ein Schatzkästchen, besonders für Menschen im höheren Alter, ist "Herbstglitzern" gedacht. Denn wer wüsste besser als die Älteren unter uns, dass es auch im Herbst des Lebens noch glitzern kann. 

Diesem Lebensgefühl wollen die Texte der zehn Autorinnen und Autoren aus Sachsen-Anhalt nachgehen. Die kurzweiligen Geschichten und Gedichte erzählen in vier Kapiteln - "Beobachtetes", "Nachdenkliches", "Humorvolles" und "Winterliches" - über den Alltag, über Erinnerungen, besondere Erlebnisse, die lange nachhallen und lassen die Leserinnen und Leser Anteil daran haben. 

In größerer Schrift sind die Texte zum Lesen, aber auch zum Vorlesen gedacht.

Die Illustrationen laden zum Blättern und Erkennen typischer Magdeburger Motive ein.

Lassen Sie sich überraschen und seien Sie neugierig.

Textauszug:

Reiner Bonack

Kleine Rede für Marie, bevor sie kommt, um für immer zu gehen

Trotz allem Marie, trotz allem, was gewesen ist und was noch sein wird, ich muss das jetzt sagen, muss sagen: Weißt du noch?
Weißt du noch, da war dieser maischöne Frühling mit dem Kuckuck, der sich immer verzählte, mit dem Trompetenbaum im Stadtpark, der leise Musik für uns machte, nur für uns. Und ich, ich bin auf die alte runzlige Litfaßsäule gestiegen und hab vor Glück einen Kopfstand probiert. Und du hattest Angst, dass wir beide, also die Säule und ich, umkippen könnten. Oder als uns die Politessen wenig später ein Ordnungsgeld abknöpfen wollten. Und das bei unsern paar Kröten. Bloß weil ich dir ein paar Blumen geholt hab. Aus der Rabatte.
Blöde, oberdoofe Zicken, hast du gesagt, und wir sind trotzdem nicht gleich dran gewesen, wegen Beleidigung und so. Es gibt ja Leute, die sind arm geworden nach solchen Sätzen. Aber die beiden haben plötzlich gelacht, einfach gelacht. War'n so um die Zwanzig wie wir.
Und dann - wir waren ein Weilchen wie besoffen durch den Regen gelaufen - da haben wir, aus Mitleid, dauernd irgendwelche kleinen Käfer aus den Pfützen gerettet. Kann auch sein, wir hatten einfach ein schlechtes Gewissen wegen der Blumen. Später haben wir unsere Laubhöhle aus der Kindheit gesucht. Die war längst zugewachsen. Oder wir waren zu groß geworden für sie. Und ich hab an den ersten Kuss gedacht. Hat nach Pfefferminzkaugummi geschmeckt. Aber davon - davon hab ich dir damals nichts erzählt. Und auch nichts vom Geschmack des zweiten. Leberwurststulle, dachte ich. Hinter dem Fahrradständer. Auf dem Schulhof. Wo die anderen immer geraucht haben.
Und weißt du die Spiele noch, Marie, die Spiele, als wir noch Rotznasen waren? Du hast Blätter und kleine Zweige in einen alten Kochtopf geworfen und ohne Feuer für mich gekocht. Und ich bin zur Arbeit gegangen, alle paar Minuten zur Arbeit gegangen und wieder zurückgekommen in diese grüne Wohnung unter dem Dach aus Laub. Und das Essen war immer gerade fertig. Und es war das beste Essen der Welt gewesen, obwohl wir ja bloß so taten, als ob wir essen würden, und ich zur Arbeit ginge.
War alles noch Spiel, Marie. Hast ja Recht. Und ich würde ja gerne, und dein Essen schmeckt immer noch gut; und auf wen warten denn meine Hände, wenn nicht auf dich; auf wen wartet das, was ich weiß und denke? Ich verzeihe mir selbst nicht, wenn ich mal explodiere, und der Durst immer so groß ist, und du explodierst, und dass ich mich nie fragte, warum wir keinen Kopfstand mehr wagen, keine Käfer mehr retten, und die Wände nicht grün sind, sondern eng, wie gemauert ums Herz.
Vielleicht, Marie, gibt’s an der Elbe noch dieses abgelegene Gartenlokal. Kann doch sein, es ist übrig geblieben, und der Mond dreht sich zu irgendeiner Musik noch einmal um uns wie damals, nach den ersten Küssen, und dann viele Jahre lang. Oder wir singen sie einfach, unsere eigene Melodie. Weißt du noch? Trotz allem, was kam, danach, so vieles war schön gewesen, Marie; und du kannst doch nicht gehn, einfach gehn, Marie.
Bleib doch. Bitte bleib doch. Wenn ich dich küsse, schmecke ich immer noch unseren Frühling.

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